Fast unsichtbar – und effizient

Um neue Kunden mit Fernwärme beliefern zu können, arbeiten die Stadtwerke Langen derzeit an einem weiteren Blockheizkraftwerk. Das hat es in sich.

Langen boomt. In den vergangenen Jahren entstanden jede Menge moderne Wohngebäude. Und es geht weiter. Aktuell erschließen zwei Bauträger das Quartier zwischen der Elisabeth-Selbert-Allee und der Nordumgehung (B 486). Alle rund ­360 neuen Wohnungen in Mehrfamilienhäusern, Doppelhaushälften und Reihenhäusern erhalten zukünftig Fernwärme. Um die Gebäude versorgen zu können – insgesamt werden dann bis Ende 2019 etwa 1000 Wohnungen im Langener Norden Fernwärme erhalten –, ­brauchen die Stadtwerke Langen zusätzliche Erzeugungskapazitäten. „Die bestehende Heizzentrale am Sportzentrum Nord reicht dafür beim besten Willen nicht mehr aus“, erklärt Matthias ­Homuth, bei den Stadtwerken für die Planung der Fernwärmeanlagen zuständig.

Deshalb startet im Juni der Bau des neuen, wirklich außergewöhnlichen Blockheizkraftwerks (BHKW). Es besticht natürlich durch moderne Technik, aber vor allem wegen seiner Architektur: Von ihm wird nach der Fertigstellung Ende 2018 eigentlich nur der etwa zehn Meter hohe Schornstein zu sehen sein. Das Gebäude verschwindet vollständig im Lärmschutzwall, der bereits aus Richtung Westen aufgeschüttet ist.

Neuland für die Stadtwerke

Mit diesem Projekt betreten die Experten der Stadtwerke Neuland. „Eigentlich war geplant, eine Standard-Heizzentrale zu errichten“, erinnert sich der Wärmeplaner. Doch schon in einer frühen Phase einigten sich die Stadtwerke mit den beiden Bauträgern darauf, den ursprünglich für das Heizkraftwerk vorgesehenen Platz für die Wohnbebauung zu erhalten. Um dies zu erreichen, verlegten sie die Heizzentrale praktisch flächenneutral in den Lärmschutzwall. Doch solch ein Bauwerk in einen Erdhügel zu integrieren, bringt eine ganze Reihe Herausforderungen mit sich. Nach oben ist das Gebäude durch die Höhe des Walls begrenzt. Genau unter der Mitte der Zentrale verläuft ein ein Meter breiter Regenwasserkanal, der bei Starkregen Wasser in ein offenes Staubecken leitet. „Um die hohen Wärmespeicher unterzubringen, müssen wir deshalb mit zwei Ebenen im Gebäude arbeiten“, erklärt Projektleiter Homuth.

Aber nicht nur der begrenzte Raum bereitete dem staatlich geprüften Techniker für Heizung-Lüftung-Klima Kopfzerbrechen. Denn es gilt, obendrein auch noch strenge Vorgaben der Naturschutzbehörde zu erfüllen. „Wir müssen den sichtbaren Teil auf das nötige Minimum reduzieren“, erzählt Matthias Homuth. Nach der Fertigstellung dürfen nur noch die zweiflüglige Eingangstür und ein Lüftungsgitter zu sehen sein. Trotzdem bleibt es möglich, alle Komponenten der Heizzentrale, die beiden BHKW-Module, den Spitzenlastkessel und die beiden riesigen Speicher, im Bedarfsfall aus- und wieder einzubauen.

Querschnitt: Die neue Heizzentrale wird vollständig in den Erdwall gebaut. Nur der Edelstahlkamin und die Tür bleiben sichtbar.

Kaum zu hören

Neben dem geringen Flächenbedarf bietet die unterirdische Heizzentrale einen weiteren Vorteil: Die Erde um sie herum hält nicht nur den Verkehrslärm fern. Auch vom Brummen der Motoren sollte nicht viel zu hören sein. Klar, ganz ohne Verbindung zur Außenwelt kommt auch diese Anlage nicht aus, schließlich braucht es für die Verbrennung Sauerstoff. Der gelangt durch die Lüftung am Eingang in das Bauwerk. „Ich gehe davon aus, dass die Motorengeräusche nur unmittelbar vor dem Lüftungsgitter wahrnehmbar sind“, prognostiziert Matthias Homuth.

Der anstehende Bau der zusätzlichen Heizzentrale ist ein Beleg dafür, wie erfolgreich sich die Fernwärme im Energiemarkt bereits etabliert hat. Und das hat viele gute Gründe. Einer davon ist ihr geringer Primärenergiefaktor. Hier im Norden Langens liegt er – dank des Einsatzes der ­effizienten BHKW-Module – bei maximal 0,6. Zum Vergleich: Erdgas oder Heizöl haben den ­Faktor 1,1. Dieses Effizienz-Plus bei der Wärmeversorgung spart Bauherren bares Geld. Denn sie können ein gutes Stück weit auf kostspielige Wärmedämmung verzichten. Zudem gewinnen Fernwärmekunden den Platz, der sonst für einen Heizkessel nötig wäre. Und einen Kamin brauchen sie auch nicht. Darüber hi­naus punktet Fernwärme mit Komfort: Wer keine eigene Heizung betreibt, muss sich weder um Wartung, noch um Reparaturen kümmern.

Nicht zuletzt spricht die deutlich bessere Umweltbilanz dafür, Wärme zentral zu erzeugen und zu verteilen. Fernwärme und Einzelheizungen verhalten sich ähnlich zueinander wie Bus und Privat-Pkw: Transportiert ein voll besetzter Bus 50 Personen von A nach B, ist dafür nur ein Bruchteil des Treibstoffs nötig, den die ­50 Personen gebraucht hätten, wäre jeder selbst gefahren.

Dass die Stadtwerke Langen in ihrer neuen Heizzentrale zwei unterschiedlich große BHKW-Module zum Einsatz bringen, steigert die Effizienz der Fernwärme noch. Eben diese BHKW rechnen sich vor allem im großen Stil – etwa bei der Produktion von Fernwärme. Der entscheidende Vorteil dieser Methode ist, dass neben der Wärme gleichzeitig auch Strom entsteht. Damit erreichen BHKW Wirkungsgrade von weit über 90 Prozent. Allerdings setzt der wirtschaftliche Betrieb dieser Aggregate möglichst lange Laufzeiten voraus. Exakt diese Bedingung erfüllt ein Fernwärmenetz mit vielen Kunden. Denn die sorgen für eine relativ gleichmäßige Abnahme von Wärme und damit dafür, dass die Motoren rund 6000 Stunden im Jahr arbeiten. Und genau diese Tatsache ist der Grund für den hervorragenden Primärenergiefaktor von 0,6.